Dia de los muertos

Was für eine schaurig schöne Tradition: Jährlich zum „Dia de los muertos“ (Tag der Toten) gibt es in San Francisco eine Prozession, die von den eingewanderten Latein-Amerikanern stammt. Sie denken an diesem Tag an die Verstorbenen und feiern es auf eine Art und Weise, die westlich geprägte Menschen wohl kaum nachvollziehen können. Schon am Tag zuvor sehe ich in den Straßen meines mexikanischen Viertels liebevoll gestaltete Schreine stehen, auf denen Bilder von Verstorbenen gemeinsam mit Kerzen und Briefen an die Toten stehen. Befremdlich und berührend zugleich. Erschreckend ist, wie oft es sich dabei um junge Menschen handelt. Viele der Schreine sind auch verstorbenen Haustieren gewidmet.

Am „Dia de los muertos“ versammelt sich im Viertel eine Menschenmenge, die man auf den ersten Blick für Halloween-Anhänger halten könnte: Viele sind verkleidet und geschminkt. Allerdings nicht so bunt und verrückt wie an Halloween sondern schwarz-weiß und mit langen Spitzengewändern. Die Gesichter bleich geschminkt mit riesigen schwarzen Augenhöhlen und anderen Todesmerkmalen. All dies hat eine seltsame Ästhetik. Allerdings mischen sich unter die Menge auch viele Nicht-Latinos, die in ihrer Verkleidungskiste Lederjacken und Kapuzenpullis mit Skelettaufdruck gefunden haben oder sich an einer Straßenecke seltsame Gummimasken gekauft haben.

Ich finde es schwer auszuhalten, dass sich diese uralte Tradition mit dem Party- und Verkleidungsspaß der übrigen Amerikaner vermischt. Aber mein Vermieter Bret sieht es nicht so verbissen: Es sei eben Ausdruck, wie Kulturen miteinander verschmelzen und aneinander Anteil nehmen.

Bei der Prozession tanzen prächtig geschmückte Latein-Amerikaner zu uralten Stammestänzen, die eine seltsame Kraft ausdrücken und in den Bann ziehen. Gemeinsam marschiert die Menge durch die Straßen bis zu einem Park, der zu einer Toten-Gedächtnisstätte geworden ist: An hunderten aufgespannten Leinen hängen Menschen ihre Briefe an die Toten und Bilder von ihnen auf. Schreine erzählen etwas vom Leben der verstorbenen Angehörigen und Freunde, aber auch berühmte Menschen wie Neil Armstrong bekommen ihre eigene Gedächtnisstätte (in diesem Fall ein kunstvoll gebasteltes Raumschiff).

Menschen tanzen, Menschen trauern, Menschen lachen und geben sich der schaurig schönen Stimmung hin. Wie unterschiedlich Kulturen doch mit dem Thema Tod umgehen! In Deutschland wird in den Kirchen oft die Namen der Verstorbenen verlesen und die Familien oder einzelne gehen anschließend auf den Friedhof und trauern still. Hier ist eine Menge Spektakel dabei, aber die Briefe an die Verstorbenen sind dennoch sehr berührend. Mich bringt es jedenfalls dazu, über die Menschen nachzudenken, die meine Welt bisher verlassen haben.

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3 Gedanken zu „Dia de los muertos

  1. Grade beim Thema „Tod“ merkt man ja sehr häufig die kulturellen Unterschiede. Zumindest merke ich an mir doch meine Prägung. Ich würde das von dir beschriebene doch wohl auch eher als befremdlich empfinden… Umso spannender, es mal mit zu erleben.

  2. Mich berührt es jedes Mal, wenn Trauer und Tod laut werden – betrauert im leidenschaftlichen Sinn. Wenn Schmerz und Angst sich über Tänze und Gefühlsausbrüche Gestalt gewinnt.
    Es erinnert mich an viele afrikanische Frauen, aber auch aus dem Libanon und Iran, mit denen ich gearbeitet habe. Als getrauert wurde, haben sie so geweint, geschrien, Kleider zerrissen – für mich kaum auszuhalten. Aber danach war es ruhiger, in ihnen und in mir. Manchmal haben sie für mich mitgeweint und ich wünschte, auch etwas expressiver, leidenschaftlicher und gefühlvoller sozialisiert zu sein.

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