Patriotismus im Gottesdienst

Heute habe ich zum ersten Mal erlebt, wie in den USA Glaube und Vaterlandsliebe zusammen kommen. Mittlerweile weiß ich, dass an diesem Wochenende der Kriegs-Vetereanen gedacht wird, was einiges erklärt. Zum Beispiel den Umstand, dass mir heute morgen im Gottesdienst (eine Freikirche) zwei Fahnen entgegen blicken: die eine mit Stars&Stripes, die andere mit einem christlichen Symbol. Zu Beginn des Gottesdienstes wendet sich die Gemeinde der amerikanischen Flagge zu, sagt ein patriotisches Bekenntnis auf, wendet sich der christlichen Flagge zu, sagt ein christliches Bekenntnis auf, und stimmt anschließend in das Lied „God bless America“ ein. Schwer zu verkraften für eine Deutsche.

Gleich vorneweg: Es ist das erste Mal, dass mir dies in den USA passiert. Es hängt wohl tatsächlich mit dem „Veteranen-Tag“ zusammen, der hier am 11. November begangen wird. Bei presse.net ist nachzulesen:

„Der Veteranentag war eigentlich ein spezieller Gedenktag für die Überlebenden der Armeen, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren und hieß in Amerika ursprünglich „Armistice Day“, also Tag des Waffenstillstandes. Mittlerweile aber gilt dieser Gedenktag für alle Veteranen aus allen Kriegen, in die amerikanische Soldaten involviert waren, und wird dort wie auch in Belgien, Frankreich und Großbritannien feierlich begangen. Ein solcher Gedenktag ist notwendig, um diejenigen zu würdigen, die letztendlich alles gaben, um ihr Land zu verteidigen – oder glaubten dies zu tun.“

Ein Soldatenfriedhof in den USA.

Wie stark Glaube in manchen Gemeinden mit der Vaterlandsliebe verbunden ist, zeigt sich im gesamten Gottesdienst: Ein Frau in Army-Uniform, die als Soldatin vorgestellt wird, hält die Schriftlesung. Insgesamt drei Offiziere erzählen von ihren Erfahrungen bei der Armee („Im Bootcamp werden erst einmal alle schlechten Angewohnheiten gebrochen, damit man ein echter Soldat werden kann“). Und am Ende der Predigt folgt ein Gedicht, das davon handelt, dass wir alle – im übertragenen Sinn – „Soldaten Gottes“ sind.

Schrecklich? Irgendwie schon. Aber auch berührend, wie präsent es ist, dass Menschen aus dem eigenen Land in einen (vermeintlich) gerechten Krieg ziehen und dort ihr Leben riskieren. Es wird viel für die Soldaten gebetet, auch für ihre Familien und dass sie sich zu Hause wieder einfinden.

Ich selbst hatte Schwierigkeiten mit dieser Art von Gottesdienst. Patriotismus und Glaube geht für mich schwer zusammen. Aber ich habe im Anschluss darüber nachgedacht und glaube, dass ich – typisch deutsch an dieser Stelle – ein bisschen schnell urteile. Es ist grundsätzlich nicht schlimm zu beten „God bless America“, genau so wenig wie ein „Gott schütze Deutschland“ schlimm ist. Schlimm wird es erst dann, wenn man den Segen für sich allein oder auf Kosten anderer Menschen und Länder beansprucht. Einer Fahne möchte ich mich trotzdem niemals zuwenden, weder einer Landesfahne noch einer christlichen oder irgend einer anderen Fahne. Aber für die Soldaten in Afghanistan, Irak oder wo auch immer zu beten, finde ich gut. Ganz egal ob ich glaube, dass ihr Einsatz gerechtfertigt ist oder nicht.

Foto: AndYaDontStop / flickr.com (CC BY 2.0)
Foto: Beverly & Pack / flickr.com (CC BY 2.0)

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6 Gedanken zu „Patriotismus im Gottesdienst

  1. Hm, du bringst mich zum Grübeln. So früh am Morgen 😉
    Ich frage mich gerade, wie das damit zusammen passt, dass man immer wieder liest, wie schlecht es den traumatisierten Soldaten geht, die wieder zurück kehren und keinerlei Achtung und Respekt erfahren. Gerade über amerikanische Soldaten habe ich das schon häufiger gelesen.
    Ich finde es auch absolut richtig, an diesem speziellen Tag an die Veteranen zu denken und ja, auch, für sie zu beten. Aber es kommt schon darauf an, für was man da bittet. Aber diese Gratwanderung hat man ja häufig. Bei uns im Gottesdienst wird ja auch regelmäßig für die Politiker gebetet. Das ist auch eine Gratwanderung.

  2. Ich empfinde den starken Abwehrreflex den (die meisten) Deutschen bei offensiv ausgelebten Patriotismus empfinden ganz gut so.
    Wäre dieser Schutzreflex verbreiteter, wer weiß welche Krisen man sich auf der Welt so sparen könnte…

  3. Mich würde interessieren wie die Leute reagiert hätten, wenn du in dem selben Gottesdienst für Aghanistan, Irak etc. gebetet hättest und auch für die Angehörigen dort, die ihre Nächsten verloren haben, seien es Terroristen gewesen oder unschuldige Zivilisten. Glaubst du man hätte dich schief angeschaut?

    • Ich denke mal, da wäre es sehr auf die Nuancen angekommen. Vermutlich wäre ich schon etwas schief angeschaut worden, hätte ich für den „ungerechten Einsatz“, die „vielen unschuldigen Zivilisten“ gebetet oder dafür, dass die Amis endlich das Land verlassen. Aber für die Angehörigen und Zivilopfer zu beten wäre vermutlich – hoffentlich! – okay gewesen.

  4. Andere Länder – andere Sitten – deine Fragestellung ist berechtigt, die Berantwortung schwierig. Als Außenstehender kann jeder von uns leicht mitten im Fettnapf landen.

    „What would Jesus do?“ – sicher nicht Fahnen anbeten, aber ich bin mir sicher, er würde den Menschen ins Herz scháuen, die Familienmitglieder oder Freunde im Krieg verloren haben, er würde auch die Verblendeten sehen, die mit einfachen Feindbildern ihre Welt in Ordnung halten und dabei vielleciht andere wieder in Not bringen. Er würde all diesen Menschen nah sein und ihnen die Last abnehmen, sich mit dieser Art von Bildern die Welt zu erklären. Er würde uns vielleicht Bilder von Familien von Feinden zeigen und uns erkennen lassen, dass er sie alle liebt und vielleicht steckt uns das ein wenig an ….

  5. Fahnen im Gottesdienstraum sind in den USA nicht außergewöhnliches, selbst zu „Friedenszeiten“ und das ganze Jahr über, nicht nur am Veteransday!
    Es bleibt jedoch die für deutsche durchaus befremdlich wirkende Stärke des Patriotismusses. Und die Hoffnung, irgendwann einmal weg zu kommen von dem Gedanken, nur durch ein starkes Militär die Probleme dieser Welt begegnen zu können. Aber dazu bedarf es ehrliche Weisheit auf beiden Seiten der Problemsphere.

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