Wenn der Zufall spricht

Heute habe ich einen anderen Waschsalon als sonst gewählt. Ich brauche für Nachmittags-Waschgänge einen anderen Waschsalon als für Morgens-Waschgänge, es hängt mit dem Stand der Sonne zusammen. In den einen Waschsalon scheint die Morgensonne, in den anderen die Nachmittagssonne. Und Waschen und Sonne gehören für mich mittlerweile untrennbar zusammen. Im Waschsalon II. herrscht ein völlig anderes Klientel als in Waschsalon I., statt Einzelpersonen waschen hier ältere, mexikanische Männer grüppchenweise ihre Wäsche und tratschen wie die Waschweiber. Ein Pärchen nutzt die Waschzeit zum Schmusen. Streng genommen ist es die totale Ressourcen-Verschwendung, zu zweit in den Waschsalon zu gehen. Und genau deshalb so schön.

Ich selbst lese „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera. Statt englische Bücher zu lesen, wie man es erwarten könnte, habe ich mir einen Stapel deutscher Bücher mitgebracht – fürs Herz. Das Buch ist toll und bringt mich gerade heute – bedingt durch den Zufall, dass ich die Stelle lese, während ich im Waschsalon sitze und neben mir ein Pärchen schmust – zum Nachdenken über den Zufall in menschlichen Beziehungen. Es geht in dem Buch um ein Paar, Tomas und Teresa, und beide zählen verschiedene Zufälle auf, die zu ihrem Kennen- und Liebenlernen führten. Banale Zufälle wie zum Beispiel der, dass Tomas ein Buch las, als sich die beiden zum ersten Mal begegneten, und Teresa Bücher liebt. Oder dass in dem Moment, als Tomas etwas bei Teresa bestellte (sie ist Kellnerin), Beethoven erklang – ein Komponist, der Teresa tief berührt.

Wird aber ein Ereignis nicht umso bedeutungsvoller und gewichtiger, je mehr Zufälle für sein Zustandekommen notwendig sind? Nur der Zufall kann als Botschaft verstanden werden. Was aus Notwendigkeit geschieht, was absehbar ist, was sich täglich wiederholt, ist stumm. Nur der Zufall ist sprechend. Wir versuchen, aus ihm zu lesen wie die Zigeunerinnen aus dem Muster des Kaffeesatzes auf dem Grund der Tasse. (…) Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergeßlich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.

Wo es um die Liebe geht, muss also der „Zufall“ her, das Schicksal, die „Fügung“ oder „Führung“. Bei mir springen da sofort alle romantischen Glocken an, genau wie bei Tomas und Teresa. Die Suche nach Zufällen ist wohl der Gegenentwurf zur arrangierten Ehe, von der wir uns heute nicht mehr vorstellen können, dass sie genauso klappen konnte und manchmal genauso in Liebe mündete wie unsere durch unzählige (gesucht und gefundenen?) Zufälle entstandenen Beziehungen.

Kurz darauf heißt es übrigens: „Hätte der Metzger von nebenan am Wirtshaustisch gesessen und nicht Tomas, so wäre Teresa nicht aufgefallen, daß im Radio Beethoven gespielt wurde (obwohl die Begegnung zwischen Beethoven und einem Metzger auch eine interessante Koinzidenz ist).

Ich liebe es auch, Zufälle und Fügungen im Leben zu suchen und zu finden. Vor allem in Bezug auf Menschen und Situationen, die mir etwas bedeuten. Es macht die Dinge besonders und bedeutungsschwer. Mal ehrlich, ist es nicht komplett verrückt, dass diese norddeutsche Pflanze Chris genau in meinem kleinen schwäbischen Städtchen Zivildienst machte…? Allerdings hat bei unserem Kennenlernen nicht Beethoven gespielt sondern ein Gerät, das in meiner Erinnerung eine Schleifmaschine ist, vielleicht war es aber auch eine Kreissäge oder ein Hammer. Witzig, dass aus uns trotzdem was geworden ist.

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4 Gedanken zu „Wenn der Zufall spricht

  1. Ich finde den Gedankenansatz total interessant, vor allem, weil in unseren christlichen Kreisen das Wort „Zufall“ ja doch immer etwas belächelt wird… Danke für die Gedanken. Wenn ich mal wieder mehr lese, versuche ich mich mal an dem Buch 🙂

  2. zufall ist das, was uns zu fällt. Die Führung, die mich nach Kiel und uns zwei an denselben Tisch bei einem Geburtstag gesetzt hat- die ist ein Geschenk!

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