Thanksgiving: fast Friede und kein Eierkuchen (dafür Pie)

Ich wäre wahnsinnig enttäuscht gewesen, zu Thanksgiving keine Einladung in eine anständige, amerikanische Familie zu bekommen. Dieser Fall ist zum Glück nicht eingetroffen, einige Tage vor dem Fest trudelte die Einladung ins Haus. Nicht dass es in den USA keine Angebote für Menschen gäbe, die an Thanksgiving zu keiner Familie eingeladen sind – auch das gehört hier zur Thanksgiving-Kultur dazu. Aber ich wollte doch wissen, wie es in einer „typischen amerikanischen Familie“ abgeht.

Leider wollte die typisch amerikanische Familie auch etwas deutsche Kultur erleben und fragte Susanne und mich, ob wir einen typisch deutschen Nachtisch beisteuern würden. Nett gemeint, die Anfrage brachte uns aber in große Schwierigkeiten. Gibt es einen typisch deutschen Nachtisch? Ich kenne von früher eine wahrhaft göttliche Schwarzwälder Kirschtorte, aber die wird bei uns traditionell von Männern gemacht (und das soll auch so bleiben). Apfelstrudel? Eher Wienerisch. Pfannkuchen? Haben die hier auch, nennt sich Pancakes. Haben uns dann für rote Grütze mit Vanillesauce entschieden, nicht aus tiefer Leidenschaft für dieses Dessert, sondern weil irgendwie deutsch und einfach zuzubereiten.

In unserem mexikanischen Viertel haben wir keine Schattenmorellen im Glas gefunden und auch keine Stärke, um das ganze anzudicken. Irgendwelche anderen Beeren im Glas konnten wir dann ausfindig machen und auch ein Rezept, bei dem Vanillepudding eingerührt wird statt die Grütze anzudicken. Das meiste unseres Dessert-Versuchs landete im Mülleimer. Die Beeren waren – ganz mexikanisch – in Sirup eingelegt und lösten einen sofortigen Zuckerschock aus. Unser Mitbringsel war dann ein einfacher Vanillepudding, auf den wir ein paar nicht eingelegte Beeren schmissen. Netterweise erklärte der Großvater mehrfach, dass er gerne auf alle anwesenden Kuchen (Pies) verzichte zugunsten dieses wahnsinnig leckeren Puddings. Amerikaner sind unfassbar nett!

Ich hoffe ja, dass es in jeder amerikanischen Familie so wunderbar chaotisch zugeht wie in unserer. Im Haus der Gastgeber wurde gerade die Küche renoviert, so dass der Truthahn von einem anderen Familienmitglied zubereitet und durch die ganze Stadt gefahren wurde. Dann musste noch das Geschirr aus dem Zeitungspapier gewickelt und schnell abgewaschen werden. Endlich am Tisch las die Großmutter aus Psalm 100 vor: „…Gehet zu seinen Toren ein mit Danken (= Thanksgiving)…“. Jeder hatte etwas zum Essen beigesteuert, und während wir Turkey, Karamellzwiebeln, Kartoffelbrei, Brot-Muschel-Auflauf, Apple-Pie, Pecanuss-Pie und Pumpkin-Pie aßen, entschuldigte sich die Hausherrin dafür, dass wir in einer anderen Familie sicherlich noch mehr Beilagen bekommen hätten.

Beim Essen erzählten wir reihum, wofür wir aktuell und überhaupt im Leben dankbar sind, was eine sehr schöne Tradition ist. Vor allem wenn man als deutscher Gast als Punkt eins auf den Dankes-Listen genannt wird. Die Gespräche sprangen hin und her, erstaunlich oft war Deutschland das Thema. Wohl auch deshalb, weil alle Familienmitglieder schon einmal dort waren und jeder etwas beizutragen hatte, samt einiger deutscher Ausdrücke. Im Laufe des Abends habe ich gelernt, dass Deutschland nicht nur Europa zusammenhält und eine phantastische Arbeitsmoral sowie die beste Kanzlerin überhaupt hat, sondern auch in Bezug auf Sprache und Kulturgut („das Land der Dichter, Denker und der Musik…“) allen anderen voraus ist. Selbst der jüdische Schwiegersohn kramte sein Deutsch hervor und brachte es begeistert ein.

Für mich ist das schwer auszuhalten. Vielleicht liegt es an der verwundeten deutschen Seele in uns, vielleicht am gesunden Realismus, vermutlich an einer Mischung aus beidem: Ich halte diesen Enthusiasmus schwer aus und musste ständig irgendwelche Dinge dagegenhalten. Und nehme mit Erschrecken zur Kenntnis, dass unser deutsches Bild von Obama vermutlich genauso undifferenziert ist wie die amerikanische Begeisterung von Merkel.

Nach dem Essen wurden Susanne und ich in die Kunst des amerikanischen Social Life eingeführt, stundenlang spielten wir „Charade“, bei dem man phantomimisch Filme, Bücher und Lieder darstellt. Gar nicht so einfach bei solch einem interkulturellen Publikum. Wir Deutschen schlugen uns wacker, indem wir „Pretty Woman“, „Dirty Dancing“ und „Lion King“ darstellten. Viel mehr fiel uns nicht ein, weil die deutschen Buch- und Filmtitel meistens nicht den amerikanischen entsprechen. Richtig authentisch wurde es, als sich die längst erwachsenen Geschwister anzickten und halb beschämt, halb belustigt erklärten, dass dies auch zu amerikanischen Feiertagen dazu gehört: Mit dem Friede-Freude-Eierkuchen (frei übersetzt) haue es eben meistens nicht hin. Wie beruhigend.

Foto (klein): karsten.planz / flickr.com

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6 Gedanken zu „Thanksgiving: fast Friede und kein Eierkuchen (dafür Pie)

  1. Na immerhin kannten sie unsere Kanzlerin und haben Dich nicht gefragt, ob wir König oder Königin haben (so wie Frankreich… oder war es doch England?)
    Du hast aber die eigntlich einzig wichtige Frage zu Thanksgiving nicht angeschnitten: Details zum Truthahn. Gestopft oder nicht gestopft, wenn ja, womit? Gebacken, Gebraten, Gekocht, Gegart?

    War dennoch schön, Dein Bericht! 😉

    • Um genau zu sein: Diese wunderbare Familie kannte mehr deutsche Städte als ich und alle Länder drum herum und auch die aktuellen Schwierigkeiten in der EU – faszinierend. Zum Truthahn: Ich glaube, er war glücklich. Man hat ihn jedenfalls nicht mit irgendwas ausgestopft. Seine letzten drei Stunden hat er dann im Backofen verbracht.

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