Die deutsche Seele

brotEs ist wunderbar, in amerikanischen Familien zu Gast zu sein. Die Herzlichkeit, in Deutschland auch schnell mal als Oberflächlichkeit abgetan, nimmt einem jegliches Fremdheitsgefühl und macht Platz für Zugehörigkeit: „Hier bin ich richtig.“ Dieses Mal sind wir in einer halb-indonesischen Familie gelandet, was die Herzlichkeit um ein Vielfaches potenziert. Chris ist mit dem deutschen Schwiegersohn befreundet, so sind wir an die Einladung nach Sacramento gekommen. Und haben dabei erfahren, dass Sacramento die Hauptstadt von Kalifornien ist („Was, NICHT San Francisco?!“)

Die Familie liebt große Feiern. Alle paar Jahre gibt es eine etwas größere Re-Union und die weltweit verstreuten Verwandten fallen ein. Dieses Mal wird im kleinen Kreis gefeiert, außer uns sind nur knapp 25 Familienmitglieder anwesend. Alle schlafen sie im Haus. Stolz zeigt uns der Hausvater, was er bei der letzten großen Feier installiert hat: Ein Vorhangsystem, mit dem sich das große Wohn-/Esszimmer mit einem „Zipp“ in verschiedene Separés unterteilen lässt, so dass jeder das Gefühl hat, nachts sein eigenes Reich zu haben.

Hausvater Dave bringt alle „Stereotypes“ auf den Tisch, die ihm zu Deutschen einfallen. Sein Schwiegersohn sei dafür verantwortlich, dies sei der einzige Deutsche, mit dem er näher zu tun hat, erklärt er. „Wir“ Deutschen fahren demnach überall mit dem Fahrrad hin und schämen uns nicht, mit alten Schrottkarren vorzufahren, wenn es doch mal ein Auto sein muss. Bei Planänderungen drehen wir schon mal durch, zumindest verunsichert es uns, weshalb sich Dave für jede Spontaneität mehrfach bei uns entschuldigt. Da wir amerikanisches Brot hassen, hat die Familie vorsorglich Körnerbrot besorgt (einfliegen lassen?).

Ich merke wieder einmal: In größeren Städten und dort, wo Amis etwas mit Deutschen zu tun haben, ist unser Bild nicht so schlecht. In manchem wirken wir etwas schrullig, aber für Amerikaner durchaus liebenswert. Etwas festgefahren und manchmal im eigenen System gefangen, aber im Prinzip nicht übel. Ich selbst denke hier, so fern der Heimat, viel über Deutschland und Deutschsein nach. Es bleibt immer etwas widersprüchlich, obwohl ich mein Land insgesamt sehr mag. Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, hat mir ein bisschen geholfen, das Gefühl besser zu verstehen. Er beschreibt in dem Buch „Wofür stehst du?“ seine eigenen Gefühle zu Deutschland und warum es immer etwas schwierig war, von „meinem“ Land zu sprechen (was nicht nur damit zusammenhängt, dass er seine Kinderjahre in Italien verbracht hat).

Für ihn brach die Liebe zu Deutschland mit der Wende auf: Er „entdeckte, dass eben dies das Bemerkenswerte an Deutschland ist: die Brüche, die Umwälzungen, das Widersprüchliche – und wie man damit umgegangen ist. Ich fand auch heraus, dass ich Heimatgefühl und Nichtfremdsein nicht mit Landstrichen, Städten, Stimmungen verbinde, sondern mit diesen Geschichten und mit der Sprache, in der sie erzählt wurden und erzählt werden müssen.“ Ab da wusste er, dass er in Deutschland bleiben will – verbunden mit dem plötzlichen Gefühl, „im interessantesten Land der Welt zu leben.“

Wenn ich mit Amerikanern spreche, denke ich das auch oft: Ich komme aus einem unfassbar interessanten Land. Voller Widersprüche, Verletzungen, Schrullen, und doch auch so liebenswert. Ich stehe mit demselben Unverständnis vor der Frage, wie aus meinem Volk so viel Schreckliches hervorgehen konnte, wie viele andere Deutsche vor und nach mir (hoffentlich) auch. Doch ich liebe Deutschland auch dafür, dass es die Wunden der letzten 100 Jahre nicht einfach zugenäht hat, sondern offen hält – auch wenn das bedeutet, dass wir nie so selbstverständlich von „unserem geliebten Land“ sprechen werden wie Amerikaner. Für genau diese vermeintliche Schwäche schätze ich unser Land. Viel mehr als für die ganzen Dichter, Denker und Musiker, die weltweit gerühmt werden und die man auch bei uns gerne dem Wahnsinn des letzten Jahrhunderts gegenüberstellt. Über diese Kulturschätze freue ich mich. Aber lieben tue ich Deutschland für das, was es heute ist – und manchmal auch nicht ist.

Während ich das schreibe, denke ich: Und das mit dem Lächeln kriegen wir dank der Globalisierung sicherlich auch noch irgendwann hin.

Foto: diekatrin / flickr.com

Advertisements

4 Gedanken zu „Die deutsche Seele

  1. Vielen Dank für den erneuten Einblick in Deinen bzw. jetzt ja Euren US-Alltag!
    Liebe Fast-Neujahrsgrüße aus der alten, diversen Heimat! Lasst es Euch gut ergehen und gesegnetes neues Jahr 2013!

  2. Ich hatte an Weihnachten die Ehre, mit einer 7-köpfigen texanischen Familie in Nairobi Abendzuessen (oder zuabendessen). Es gab etwa 8 verschiedene Käseprodukte und dazu Kräcker, Cracker, Nachos, Kekse, Cookies und ähnlich gesunde, frische Dinge. Werde ihnen bei Gelegenheit mal vorwerfen, dass andere Amis Körnerbrot einfliegen lassen um uns Deutsche zu erfreuen 🙂
    Aber mannometer, froh und fröhlich sind die… unheimlich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s