I left my heart in San Francisco…

2013-01-20 09.52.33Irgendwann musste dieser Tag kommen: Mein letzter Blogeintrag aus San Francisco. Natürlich aus dem Waschsalon, denn nur hier entstehen die wirklich guten Geschichten den Lebens. Ein letztes Mal schnuppere ich den Geruch mexikanischer Reinlichkeit, während ich draußen auf der Bordsteinkante in der Sonne sitze. Heute hat es nicht einmal für einen Stuhl gereicht, weil vier mexikanische Männer im Waschsalon einen Stuhlkreis aufgemacht haben, während ihre Wäsche schon längst stumm und bewegungslos im Trockner liegt. Ich werde sie vermissen, die verwaschenen Samstage.

Zufrieden und ein bisschen müde…

Mein Waschsalon, mein kleines schmutziges Geheimnis...

Mein Waschsalon, mein kleines schmutziges Geheimnis…

Ich werde überhaupt so manches hier vermissen. Längst fühle ich mich nicht mehr als Touristin sondern bin eine echte Kiezgängerin geworden, die am liebsten im eigenen Viertel unterwegs ist und sich zwischen den mexikanischen Gemüseständen pudelwohl fühlt. Ein letztes Mal im Park gesessen, ein letztes Mal nach Zigarettenpapier gefragt worden, ein letztes Mal Gras in all seinen Ausprägungen gerochen. Ein letztes Mal das Gesicht in die warme Frühlingssonne gestreckt.

Eine wunderbare Zeit geht zu Ende, ein phantastisches Abenteuer und ein aufregender Job. Ich bin reich an Eindrücken und voller Begegnungen, voller Sonne – und ein bisschen müde bin ich auch. Denn anspruchsvoll war der Job allemal, und ständig neue Eindrücke tun ihr übriges. Vielleicht begebe ich mich in Kiel einfach in den Winterschlaf, bis auch hier der Frühling zum Vorschein kommt.

Zuletzt habe ich wenig Persönliches geschrieben und bin manches mal auf diese Tatsache hingewiesen worden. Zum einen gab es eine Zeit, in der es – analog zum deutschen Winter – in mir etwas dunkler war und die Worte nicht mehr so einfach fließen wollten bzw. in andere Projekte geflossen sind. Zum anderen bedeutete es aber auch, dass ich hier wirklich angekommen bin, meinen Touristenblick verloren habe und ganz einfach Alltag erlebt habe. Und genau das war schön.

Mit Simone und Christian on tour

Mit Simone und Christian on tour

Ja, ich werde wirklich vieles von hier mitnehmen, unter anderem ein knallvoll geschriebenes Tagebuch. Vor allem aber Menschen: Sie machen das Leben so reich, manchmal für eine kurze Zeit, manchmal für das restliche Leben. Aber Menschen lässt man nie zurück, sondern nimmt sie überallhin mit. Deshalb sage ich entspannt „Goodbye“ zu…

… Simone und Christian, wir haben zusammen San Francisco und Kalifornien unsicher gemacht, des Öfteren unser Deutschsein hervorgekramt (danke für die Würstchen und das Sauerkraut zu Weihnachten, und erst die Feuerzangenbowle!) und die Erfahrungen des Fremdseins ausgetauscht – unbezahlbar.

… Susanne und Pierre, ihr habt mir geholfen, meine Kieler Samstags-Tradition fortzuführen und mich immer wieder zum Farmers Market mitgeschleppt – in Kiel wird keiner mehr mit dem Auto vorfahren, um mich zum Markt zu kutschieren! Euer Schwäbisch werde ich auch vermissen – vor allem das von Pierre 🙂

… Meine tollen Kollegen bei Jimdo und Soldsie, die ich gerne komplett mit nach Hause nehmen und in unseren Coworking Space umsiedeln würde. Was für ein bunter Haufen!

Abschiedsrunde mit meinen Jimdo-Kollegen

Abschiedsrunde mit einigen meiner Jimdo-Kollegen

… Philippe, der lustig vor sich hinplappert, wenn ich selbst keine Lust zum Reden habe, und dem ich schonungslos beibringen musste, dass man deutsche Frauen nicht warten lässt – niemals.

… mein Vermieter Bret, der mich jeden Morgen mit seinem Gerumpel und Gepumpel weckt, wesentlich besser über Europa bescheid weiß als ich und im Kino jedes Mal einschläft, um es anschließend vehement zu leugnen.

… Katharina, die mich an jedem Samstags-Waschtag mit dem weltbesten „Latte“ + kostenlosem Lächeln versorgt hat (der Kaffee etwa gleichauf mit dem von Axel und Kira) und mir in meiner letzten Woche eröffnet hat, dass sie nach der Schule mal ein Jahr in Kiel gelebt hat und gerne mal wieder dorthin zurück möchte – you’re welcome!

… wunderbare Interview-Partner aus aller Welt, die meinen Horizont erweitert und mir neue Impulse mitgegeben haben, mit denen ich ein Buch füllen könnte. Eure Geschichten sind es, für die ich immer wieder gerne Stift, Papier oder eben mein Macbook zücke.

Was ich nicht vermisse….

Und dann wären da noch die Dinge, die ich nicht vermisse. Wenige, aber es gibt sie. San Francisco ist eine wunderschöne, einzigartige Stadt, pulsierend und lebendig, manchmal etwas zu hip, immer aber offen und multikulturell. Doch die andere Seite ist ebenfalls überall sichtbar: Obdachlose liegen in den Hauseingängen, Bettler strecken überall ihre Hände aus, die Busse stinken, weil die Leute stinken, und um zuckende Menschen am Straßenrand kümmert sich keiner.

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Ich habe darüber nicht geschrieben, weil es schwerer von der Hand geht als andere Themen. Weil es einen ständig mit sich selbst konfrontiert: Warum nervt es mich, dass sich der Mann mit den verfilzten Haaren neben mich gesetzt hat? Warum habe ich kein Mitleid mit den bettelnden Händen, nur weil ich selbst gerade keine gute Laune habe? Wem helfe ich, wem nicht?

Viele sagen, dass man gegenüber dem Leid hier mit der Zeit abstumpft. Ich kann das nicht bestätigen, aber mit der Zeit wächst die Hilflosigkeit und das Gefühl, angesichts des Ausmaßes besser den Kopf in den Sand zu stecken.

Trotzdem, auch hier habe ich viele Lichtblicke erlebt: Viele der Obdachlosen halten gerne ein Schwätzchen, viele der Bettlern sind nicht „abgestürzt“ sondern ganz einfach alt und müssen fast ohne Rente und sonstige Unterstützung auskommen. Deshalb betteln sie, wünschen den Vorbeigehenden ein ernst gemeintes „God bless you“ und erzählen gerne etwas aus ihrem Leben. Sie lieben es, Komplimente zu machen („Hör auf zu joggen, das hast du doch gar nicht nötig“) und haben Witz und Esprit.

Aber dies täuscht trotzdem nicht über das immense Leid all derjenigen hinweg, die mehr wie wilde Tiere denn als Menschen durch die Straßen San Franciscos streifen, ihre lebenslang angestaute Wut aus sich herausbrüllen und andere Menschen beschimpfen, verwahrlost und alkoholisiert sind und bei Wind und Wetter draußen schlafen. Unfassbarerweise grenzt „ihr“ Stadtteil direkt an den „Financial District“, wo die ganzen Banker und Geschäftsmänner herumlaufen – eine irre Mischung. So viel Leid habe ich auch als Ex-Berlinerin noch nicht gesehen.

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Zwei Seiten ein und derselben Stadt, die auch jeweils zwei Seiten in mir selbst angesprochen haben: Ästhetik trifft auf Leid, Fröhlichkeit auf Hilflosigkeit, Zuwendung auf Rückzug. Immer wieder neu.

Insgesamt war ich gerne hier, sehr gerne sogar, und ich freue mich riesig darauf, eines Tages wieder hierher zurück zu kommen. Aber vielleicht werde ich manche eurer Gesichter ja auch mal in Deutschland sehen? Das wäre schön.

Und jetzt…
… geht es los!

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4 Gedanken zu „I left my heart in San Francisco…

  1. Danke für deinen authentischen, ehrlichen und mitnehmenden Bericht.
    Danke, dass ich durch deine Texte immer einen Hauch von deinem Leben mitbekommen darf.

  2. Liebe Yvonne, Danke für den wunderbaren Ein- und Ausblick. Du schreibst so, das es mir fast das Herz zerreißt. Ich fühle so Deine Zerrissenheit. Freue mich sehr darauf Dich bald wieder in Kiel zu begrüßen, Du weit gereiste. Bis Samstag?

  3. Na dann, herzlich willkommen zurück in Kiel. Aber das mit dem Winterschlaf wird wohl nix. Pünktlich hat sich hier nämlich heute die Sonne durchgesetzt. Alle Zeichen stehen nun auf Frühlingsanfang … sei also gewarnt. 🙂

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